Am Abend schaue ich mir meine dritte Etappe nochmal an. Ich bin ein wenig hinter meinem geplanten Kilometerstand und muss mir von den verschiedenen Wegen den zielführenden aussuchen. Dabei fällt mir auf, es wird sehr viel Asphalt ohne Schatten entlang der Küste. Ein Blick auf den Wetterbericht, es soll fast den ganzen Tag die Sonne scheinen.
Hmmm …… das ist eine unglückliche Mischung. Ich recherchiere, wo ich ein Fahrrad mieten kann. In Bredene gibt es keine 500 Meter von meinem Hotel eine Vermietung.
Es tun sich zwei Probleme auf: zum einen ist es auch in Belgien so, dass man als Radfahrer die Öffis nur nutzen darf, wenn man ohne Probleme in die Bahn reinkommt und damit keinem Kinderwagen oder gar Rollstuhl den Platz wegnimmt (es ist Hauptsaison!, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit?) und des Weiteren ist die Bewertung von diesem Fahrradverleih grottig. In Oostende wiederum ist ein Radverleih mit sehr guten Bewertungen, der auch noch günstiger ist. Mein Plan steht.
Am nächsten Morgen fahre ich also nach dem Frühstück nach Oostende zum Radverleih „Candy“ gleich am Anfang der Promenade. Auf meinem Weg vom Bahnhof dorthin sehe ich auch das erste Mal, dass die „Zugbrücken“ auch tatsächlich dazu dienen, Boote durchfahren zu lassen. Das ist ein wenig wie an einer Schleuse. Die Brücke geht hoch, vier Boote fahren durch. Hinten geht die Brücke wieder zu und am anderen Ende geht die Brücke zur Durchfahrt hoch. Die Fußgänger und die Autos müssen jeweils warten, könnten aber wenn sie es eilig hätten zur anderen Brücke und kreuzen. Dazwischen sind maximal 100 Meter.
Dann bin ich bei „Candy“. Obwohl ich es gelesen habe, habe ich Dussel keinen Ausweis dabei. Der liegt sicher im Safe. Der Besitzer ist ein Goldstück und akzeptiert auch meine EC-Karte als Deposit und ich bekomme mein „Hollandrad“, faul wie ich bin natürlich in der Elektroversion. Ich fahre sonst ein Herren-Trekking Rad und habe das Gefühl, ich sitze wie ein Affe auf dem Schleifstein auf dieser Fahrradform.

Wie immer wenn ich loslege ist es noch früh am Tag, es ist wenig los und wir können uns aneinander gewöhnen. Die Promenade von Oostende ist sehr abwechslungsreich und schön zu fahren. Es gibt sehr viel Kunst zu sehen am Wegesrand. In der alten Wandelhalle ist eine Fotoausstellung, die ich mir für den Rückweg merke. Der „Walk of Fame“, den es nicht nur in LA gibt, den ich auch schon in Krakau letztes Jahr gesehen habe, Oostende hat auch einen.

Nach rund fünf Kilometern verlassen ich Oostende und es geht entlang vom Strand in Richtung Middelkerke mit seinem feinen Sand. Es weht ein kontinuierlicher Wind und dadurch werden Sandverwehungen angehäuft. Auch die Lijn fährt direkt hier entlang. Bei meiner Erstrecherche hatte ich ein Foto der Lijn gesehen, wie sie entlang der Küste fährt und einen Sandsturm hinter sich herzieht. Das Bild wurde exakt hier aufgenommen.





Abgesehen von diesem Naturschauspiel ist entlang der Strecke auf der linken Seite Kriegsgerät zu sehen. Es ist das Museum des Atlantikwalls. Nazi-Deutschland hat hier zur Verteidigung der Westfront Bunker, Schützengräben und Kanonenstellungen gebaut. Zur Erinnerung wurden sie an dieser Stelle zu einem Museum zusammengefasst und instand gehalten. An vielen Stellen der belgischen Küste findet man Überreste davon. Sie sind für mich eine Mahnung und Erinnerung: „Never again!“
In Middelkerke dann fällt mir am Ortseingang sofort ein Gebäude auf, das mit seiner ungewöhnlichen Form hervorsticht. Es ist das Casino hier. Ansonsten sticht der Ort nicht weiter hervor. Vielleicht noch, dass Comicfiguren entlang der Promenade als Statuen aufgestellt sind. Zur Erinnerung: Die Belgier gelten als die Erfinder des Comics (siehe auch meinen Post: „Welthauptstadt des Comics – Brüssel“).





Zwischen Middelkerke und Westende dann ist der Bereich der Installationskunst. Einige, zum Teil eindeutige, Kunstwerke säumen den Weg. Dann macht der Radweg einen Knick ins Landesinnere und ich umfahre ein Militärgebiet, bis ich wieder an einer Fähre ende, mit der es nach Nieuwpoort Strand ginge. Ich beschließe, dass es weit genug ist für heute, kehre um und fahre den gleichen Weg zurück, den ich gekommen bin.
Wie ich schon am Morgen beschlossen habe, sehe ich mir die Fotoausstellung in der ehemaligen Wandelhalle von Oostende näher an. Es sind Fotos der National-Geographic-Fotografin Diana Takacsova. Sie befasst sich hier in ihren Arbeiten unter anderem mit den Veränderungen durch den Klimawandel, speziell an der belgischen Nordseeküste. Die Bilder sind beeindruckend. Beängstigend schön (siehe auch: Diana Takacsova — Documentary Photographer | photo-letter ).


Ich gebe mein Rad ab, gehe direkt an der Promenade etwas essen, genieße den Blick auf das Meer und beobachte den Trubel um mich herum. Nach dieser Stärkung mache ich mich auf den Weg zu einer kleinen Fähre, die die beiden Küstenabschnitte die vom Voorhaven getrennt werden, verbindet. Wenn man die Fähre nicht nutzen möchte muss man einen Riesenumweg machen. Die Fähre ist kostenfrei und pendelt den ganzen Tag zwischen den beiden Seiten hin und her.
Auf der anderen Seite angekommen, mache ich mich jetzt zu Fuß auf den Weg zurück nach Bredene. Gleich zu Anfang komme ich wieder an allgegenwärtigen Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg vorbei. Ein paar Meter weiter ist dann ein sehr großer Bunker. Bei der Recherche später finde ich heraus: Der ist nicht aus dem 2. WK, der ist älter und wird „Fort Napoleon“ genannt. Es ist offensichtlich ein Pflichtprogramm für Schulklassen, den zu besuchen, denn hier sind ganz viele Jugendliche, die offensichtlich gelangweilt hier rumhängen und darauf warten, dass der Tag vorbeigeht. Sie sind doch überall gleich 🙂
Die letzten vier/fünf Kilometer laufe ich wieder entlang der Küste nach Bredene und beschließe den Tag.

