Letztes Jahr waren mein Mann und ich in der Bretagne. Dort gibt es den großen Küstenweg GR 34 bzw. den GR 21 in der Normandie. Die waren mir für eine Woche zu lang. Als ich dann weiter recherchierte, fiel die belgische Küste in meinen Blick. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, dass die Küste nur rund 70 Kilometer lang ist. Der dazugehörige GR Kust ist dagegen 103 Kilometer lang. Da wurde die Idee geboren. Nach ein wenig Recherche war meine Idee umsetzbar und schnell gebucht. Dadurch, dass entlang der belgischen Küste die Küstentram „De Lijn“ fährt, kann ich sogar stationär an einem Ort bleiben und muss nicht mit Gepäck laufen.
Ich starte in Knokke-Heist, einer der Endhaltestellen der Lijn. Zur niederländischen Grenze wären es zwischen fünf und acht (je nach Route) weitere Kilometer gewesen, die ich mir aus Zeitgründen gespart habe (man braucht ja einen Grund, noch mal hierherzukommen).


Zu den Wegen: Es gibt nicht den einen Weg, sondern viele. Die gesamte belgische Küste ist von einem hervorragend ausgeschilderten Wegenetz durchzogen. Die beiden Hauptwege sind der mit einem rot-gelben Zeichen versehene Küstenweg und der mit einem rot-weißen Zeichen versehene GR5A, der Flandernrundweg, der ebenfalls über weite Strecken entlang der Küste führt. Dazwischen sind auf braun-gelben Schildern Zahlen angebracht, die die verschiedenen Querwege kennzeichnen. Laut Internet bekommt man die dazugehörige Wanderkarte in allen Touristeninformationen entlang der Strecke. Nur wussten die drei von mir besuchten Touristeninformationen davon nichts.
Von der Endhaltestelle laufe ich erst einmal Richtung Meer, da Komoot mir zeigt, dass ich dort irgendwann auf den Küstenweg treffe. Und dem ist auch so. Ich wende mich nach Westen und steige in den Weg ein. Gleich kommt ein Park, dann geht es weiter durch die Stadt in Richtung Meer. Schließlich bin ich am Meer und entscheide spontan, nicht die Promenade entlangzulaufen, sondern über den Strand.




Das Timing der Nordsee ist nicht gut. Zu nachtschlafender Zeit ist die Tide hoch, sprich das Wasser ist nah. Tagsüber ist die Tide niedrig und das Meer weiter weg. Wenn man am Wasser entlanglaufen will, sieht es für Komoot so aus, als würde man im Wasser laufen – oder besser gesagt: auf dem Wasser.
Also verwirre ich Komoot und laufe so lange wie möglich am Wasser entlang, bevor ich mich Seebrügge nähere und wieder „an Land“ muss. Seebrügge ist der zweitgrößte Handelshafen Belgiens. Es liegen gerade sehr viele Containerschiffe im Hafen, und mein Wanderweg führt mich mittendurch. Es gibt Schwenk- und Zugbrücken (auch die Lijn fährt an dieser Stelle über solche Brücken), und Schiffe haben Vorfahrt. Ich habe Glück, denn keines möchte gerade passieren, als ich dort entlanglaufe. Mitten zwischen all den Containern und dem Werksverkehr (mit einer entsprechenden Anzahl von Lkw) befindet sich ein kleiner Rastplatz. Der kommt wie gerufen, und ich mache eine Pause und beobachte das Treiben um mich herum.



Als Nächstes erreiche ich ein Gebiet, das offensichtlich einer neuen Nutzung zugeführt werden soll. In den alten Lagerhallen haben neue Läden und Restaurants eröffnet. Auch ein Schokoladen-Outlet ist dabei … Gelegenheiten muss man nutzen. Es ist bewölkt und nicht zu warm, also denke ich, dass ich es riskieren kann, dort einzukaufen. Belgische Schokolade ist ja mein Verderben. Ich komme aus Belgien immer mit dem einen oder anderen Schokoladen-Mitbringsel nach Hause. Natürlich werde ich fündig – wie auch nicht?
Bald erreiche ich den Strand von Seebrügge. Nachdem ich fast zehn Kilometer über Asphalt gelaufen bin, lasse ich die Promenade wieder Promenade sein und gehe erneut Richtung Wasser. Diesmal noch ein wenig weiter vom Ufer entfernt, weil der Tiefststand noch nicht erreicht ist. Die Füße im Wasser zu haben ist einfach toll – da läuft es sich gleich viel leichter. Nach weiteren vier Kilometern muss ich dann leider wieder an Land, denn der Strand hört auf.

Ich bin in Blankenberge. Hier ist jetzt schon sehr viel mehr los als in Seebrügge, und das Wetter hat inzwischen aufgeklart. Viele flanieren entlang des Strandes. Mein Weg biegt zum Yachthafen ab. Einmal rundherum, und am anderen Ende wird es noch einmal richtig schön. Ein Weg durch die Dünen tut sich auf. Leider haben die Belgier eine Leidenschaft für gepflasterte Wege, und so ist selbst der schöne Weg durch den Dünenwald nicht naturbelassen. Trotzdem ist es toll, dort entlangzulaufen. Der Schatten ist jetzt, bei voller Sonne, sehr willkommen. An einer kleinen Stelle ist alles schwarz und riecht noch nach Rauch. Auch hier ist alles supertrocken. Auch hier fehlt Regen.


In Wenduine endet mein Weg für heute, und ich warte auf die nächste Lijn. Die Etappe war leider sehr asphaltlastig, aber gleichzeitig ausgesprochen abwechslungsreich: Strand, Seehafen und zum Schluss doch noch Dünen. Shoppen kam ebenfalls nicht zu kurz. Alles in allem ein guter Einstieg.
