….. so lautet der Titel des Themenweges, den ich mir in diesem Jahr zum Laufen ausgesucht hatte. Es war mal wieder an der Zeit, ins Lechtal zu fahren. Und beim Rumsuchen, was ich denn in diesem Jahr laufen könnte, ist mir dieser Weg in den Blick geraten.
Der Weg ist insgesamt, mit allen Schlaufen und Wegen zu bestimmten Punkten, die etwas abseits des Rundweges liegen, 85 Kilometer lang. Ich hatte mich schon im Vorfeld bei der Planung entschieden, nicht die ganzen Schlaufen und Nebenpfade zu laufen, sondern mich auf den Rundweg zu konzentrieren. Das lag bei der Planung bei rund 35 Kilometern, also durchaus in drei Tagen machbar. Es kam anders, aber davon später.

Die Walser waren alemannische Siedler aus der Schweiz (und zuvor aus dem Rhônetal), die ab dem 13./14. Jhd. die Gegend im Dreieck Schröcken, Lech und Warth besiedelten. Sie waren klassische Bergbauern und darauf spezialisiert, selbst den unwegsamsten, sehr kargen Hochtälern zu trotzen. Sie waren und sind ein eingeschworenes Völkchen, dessen Kultur und Sprache bis in die heutige Zeit hinein überdauert haben.
Ich beginne meinen Rundweg in Warth. Ich stelle das Auto an Steffis Alpexpress ab und fahre als einer der ersten Gäste nach oben. In der Lechcard ist diese Bergbahn enthalten. Das Wetter ist nicht sehr einladend, die Wolken hängen tief und es ist kalt. Da ich heute den ein oder anderen Höhenmeter vor mir habe, habe ich mal meine Wanderstöcke mit dabei.


Gleich unterhalb der Station steht der Wegweiser, der mich auch sogleich auf den richtigen Pfad führt. Leicht bergan geht es auf den Weg. Ich höre das ein oder andere Murmeli, aber das Glück ist mir nicht hold und ich sehe sie nicht.
Bald komme ich an der ersten Bank vorbei, auf der das Wort „Tannberg“ mit dem Wegsymbol eingeprägt ist. Das sind die Infopunkte. Man kann sich im Internet auf der Seite www.warth-schroecken.at/de/sommer/tannbergweg.html die dazugehörigen Beschreibungen runterladen.
Diese Bank hier ist zum Beispiel die mit dem Titel: „Gelber Enzian: Walser Allheilmittel und destilliert ein Lebenselexier“. In der Beschreibung steht es dann genauer. So wie hier mit: „Er weckt die Lebensgeister und gilt nicht nur bei Bergfexen als legendär – der Gelbe Enzian, oder besser gesagt – dessen köstliches Destillat. Als majestätischster aller Enziane wird die Pflanze bis zu 1,4 m hoch und strahlt schon von Weitem mir seinen sonnengelben Blüten. Der wohltuende Charakter ruht in den Wurzeln, die Amarogentin als Naturstoff mit dem höchsten Bitterwert enthalten. Schon die Römer schätzten die Gentiana lutea, im Mittelalter galt sie als das Heilmittel schlechthin. Neben Tee und Tinktur wussten die Walser die armdicken Wurzeln auch zu vergären. Mangels Obst- und Getreideanbau in solch Höhenlagen war der auf wechselfeuchten Standorten wie bei Bürstegg prächtig gedeihende Gelbe Enzian nebst Kräutern und Vogelbeere (Türgitsch) die beste Quelle für einen köstlichen Schnaps.“
So ist jede der 57 Bänke mit einer näheren Beschreibung der Walser, ihrer Bräuche, ihrem Leben und der Sprache hinterlegt.


Mein Weg führt leicht bergab zum Weiler Bürstegg. Das war die ehemals höchstgelegene Walsersiedlung hier in der Gegend. Die kleine Kapelle kann man besichtigen. An einer Häuserwand ist eine Holzkiste mit Getränken, die Kasse hängt daneben.

Ich hole mir eine Limo, setze mich auf eine der Bänke und schaue den tiefliegenden Wolken zu, die gerade ins Tal reinziehen. Sie werden immer dichter. Der weitere Weg führt nochmal für rund einen Kilometer auf einem breiten Wirtschaftsweg, bevor es rechts bergauf geht. Hier hätte ich auch links abbiegen können, in Richtung der Bodenalpe, welche bewirtschaftet ist. Der Weg ist steil dort hinab und ich laufe lieber weiter, auch wenn ich nicht mehr weit sehen kann, da die Wolken immer dichter werden.




So bleibt es denn auch für die nächsten vier Kilometer. Dann wird die Sicht wieder besser und ich gehe bergab einen recht schmalen Pfad entlang bis zum Gizzibach. Der wird über eine Brücke gequert, auf der anderen Seite wieder hoch und oben angekommen fängt auch schon wieder Asphalt an. Oben angekommen ist eine Kunstinstallation zu besichtigen. Der Skyspace Lech ist eine Kunstarchitektur, in der man „Raum und Zeit“ spüren soll. Ich schaue es mir an, bin ein Kunstbanause (mir sagt es gar nix) und ziehe weiter an schottischen Longhorns vorbei in Richtung der Seilbahn von Oberlech nach Lech Ort. Natürlich kann man den Weg auch hinab laufen, an noch mehr Infopunkten vorbei, aber mir ist nach Schluss für heute und so fahre ich mit dem Bus zurück nach Warth.

Am nächsten Morgen fahre ich dann ähnlich wie am Vortag nach Warth und stelle mein Auto ab, um mit dem Bus nach Lech zu fahren. Das Wetter ist heute Morgen ähnlich unentschlossen wie gestern. Die Wolken hängen tief, es ist kalt. Ich nehme wieder die Seilbahn nach Oberlech, laufe den gleichen Weg wie gestern auf den ersten Kilometern, nur heute mit Aussicht.
Ich komme an einer Besonderheit hier in der Gegend vorbei, die Gipslöcher. Diese Gipslöcher entstehen durch Dolinen. Das wiederum sind trichterförmige Vertiefungen im Karstboden, die durch chemische Verwitterung Hohlräume schaffen, die ab einem gewissen Punkt zusammenbrechen – voilá Doline. Selbstverständlich ist die Gegend geschützt, man sollte bitte auf den Wegen bleiben, und im Frühjahr wachsen hier Orchideen, auch die sind allesamt geschützt.
Dann biegt der Weg links ab in Richtung Schröcken, meinem heutigen Ziel. Viele Alpen haben schon geschlossen, die Wandersaison ist nahezu vorbei. So wandere ich erst mal ohne Einkehr weiter.

Nach insgesamt sieben Kilometern geht der Weg rechts einen schmalen Bergpfad bergauf in Richtung Körbersee. Auf diesem Pfad sehe ich meinen Freund, den blauen Eisenhut, die giftigste Pflanze in den Alpen und nördlich davon. Bald schon sehe ich den Körbersee. 2017 wurde er zum schönsten Platz Österreichs gekürt und das hat auch seine Berechtigung. Direkt am See gibt es ein Hotel mit Restaurant, das lasse ich links (eher rechts aber gut) liegen und laufe weiter, da der überwiegende Teil der Wanderer hier einkehrt. Zu meinem Glück.




Nach einem kurzen Gang über eine Wiese mit vielen Kuhfladen kommt ein Wirtschaftsweg und ich höre sie schon. Das Pfeifen der Murmelis. Es ist ganz nah. Und dann sehe ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung, stoppe sofort und versuche mich als Stein. Und da sind sie, keine fünf Meter von mir weg. Dick und rund und faktisch bereit zum Winterschlaf. Es sind drei in meiner unmittelbaren Nähe. Ich zücke die Kamera und versuche mich möglichst wenig zu bewegen und mache einige Aufnahmen. Dann kommt ein Ehepaar mit Hund und Schluss ist mit dem Fotoshooting.


Kein Kilometer weiter ist eine noch offene Alpe, die Batzenalpe. Hier bekommt man frische Milch, direkt von der Kuh, auch in Form von Kakao. Ein Träumchen. Direkt daneben ist ein kleines Museum in einem Walserhaus untergebracht. „Alpmuseum uf m Tannberg“ (kein Schreibfehler!) ist die offizielle Bezeichnung und es gibt einen Einblick in das Leben der Bergbauern damals. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten.
Direkt vor dem Museum sind zwei Infotafeln, die sich mit einem düsteren Kapitel beschäftigen, den Schwabenkindern. Die meisten Bergbauern aus dieser Gegend waren sehr arm und sie hatten viele Kinder. Zehn und mehr Kinder waren keine Seltenheit. Ab einem Alter von ca. acht/neun Jahren wurden diese Kinder im Frühjahr über die Alpen geschickt, um im reichen Schwabenland zu arbeiten. Allein schon der Weg, teilweise in schlechtem Schuhwerk durch Eis und Schnee, dann die harte Arbeit und die schlechten Bedingungen……. viele kamen nicht zurück. Aber die, die es geschafft haben, haben ihren jüngeren Geschwistern das Überleben gesichert. Ab einem Alter von ca. 16 Jahren wurde geheiratet und das Ganze ging von vorn los.


Es geht steil bergab nach Schröcken, meinem heutigen Endziel. Auch hier wird das Leben der Schwabenkinder anhand von zwei Familien und ihren Kindern aufgezeigt, die bis Ende des 19. Jhd. gut dokumentiert waren. Übrigens hat dieses von heutigem Standpunkt aus unmenschliche Handeln sein Ende erst mit Beginn des ersten Weltkrieges gefunden. Nur mal zur Erinnerung: Die Sklaverei wurde in Nordeuropa als letztes in den Niederlanden abgeschafft. Im Jahr 1863.


Zwei weitere Dinge in Schröcken sind mir aufgefallen. Zum einen ist die Touri-Info sehr gut ausgestattet und zum anderen steht am Friedhof ein Beinhaus. Dort wurden früher die Gebeine der Verstorbenen aufbewahrt. Das kannte ich so auch noch nicht.
Der Bus hat mich dann zurück nach Warth gebracht.
Die letzte Etappe habe ich dann für die Tour „Zürser-See – Spullersee“ sausen lassen. Das Wetter war einfach zu verführerisch.
Die „Walser am Tannberg“ ist insgesamt eine nicht zu schwierige Wanderung mit hervorragender Anbindung. Man kann mit den Bergbahnen den Schwierigkeiten bequem aus dem Weg gehen und zur Saison ist auch die Verpflegung kein Problem. An der ein oder anderen Stelle schadet Trittsicherheit nicht, ist aber insgesamt sehr einfach zum Gehen.
